Pädagogisches Institut der Evangelischen Kirche von Westfalen

„Wer ist Christus für uns heute?“

Lehrertagung zu Bonhoeffer mit Prof. Renate Wind

Diese, von dem am 09. April 1945 ermordeten ev. Theologen und Widerstandskämpfer Dietrich Bonhoeffer aufgeworfene Frage, zog sich wie ein roter Faden durch die Fortbildungsveranstaltung. Zu der Veranstaltung waren ca. 60 LehrerInnen, die an Berufskollegs in NRW unterrichten, gekommen.

Diese LehrerInnen verbindet, dass sie mit großem Engagement ihre SchülerInnen zur Allgemeinen Hochschulreife führen wollen. Für die Abiturjahrgänge 2015 lautet eine verbindliche Vorgabe „Der Begriff der Nachfolge bei Dietrich Bonhoeffer“ – eine enorme Herausforderung für die SchülerInnen, aber für die LehrerInnen.

Mit Frau Professorin Dr. Renate Wind referierte eine profunde Kennerin der bonhoefferschen Biographie und Theologie (Buchhinweis: Renate Wind: Dem Rad in die Speichen fallen: Die Lebensgeschichte des Dietrich Bonhoeffer. Gütersloh 7/2006). Mit ihrem erzählerischen Vortragsstil fesselte sie die Anwesenden. Eine Krimilesung hätte nicht spannender sein können, so eine Teilnehmende.

Renate Wind kritisierte den in Oxford lehrenden Systematiker Johannes Zachhuber, dessen Text „Was heißt heute ‚Nachfolge Jesu‘?“ im Zentralabitur zur Pflichtlektüre gehört:

Während Zachhuber davon ausgeht, „dass aus dem Gedanken das Tun, die Praxis schließlich hervorgeht“, betonte Renate Wind, dass sich bei Bonhoeffer „in der gelebten und politischen Aktion“ die Perspektive verändert: „… die Praxis (wird) zum Ort der Erkenntnis, die auch unser theologisches Denken verändert und vorantreibt. Unser Christsein wird heute nur in zweierlei bestehen: im Beten und  im Tun des Gerechten unter den Menschen, so D. Bonhoeffer.

Als nicht nachvollziehbar kritisiert R. Wind, Zachhubers Sicht im Hinblick auf Bonhoeffers Ruf in der Nachfolge. Nach Zachhuber ist „Bonhoeffers Nachfolgekonzeption gänzlich schroff, auf Überwältigung ausgerichtet.“ Ja, er versteigt sich gar zu der Behauptung, dass man hier von einem „brutale(n) Element dieser Theologie“ sprechen müsse. In deutlicher Abgrenzung spricht R. Wind zwar von „Radikalität“ in Bonhoeffers Worten, aber „diese Radikalität hat gerade nicht mit brutaler Überwältigung durch einen übermächtigen Gott zu tun, sondern am Ende mit der Erkenntnis, dass Gott in Christus gerade ohnmächtig wird in der Welt und deshalb die Hilfe der Menschen braucht, um erkennbar zu werden.“

Am meisten aber hat mich beeindruckt und berührt, dass diese Tagung nicht auf der kognitiv-informierenden Ebene blieb, sondern die Teilnehmenden geradezu in die Leitfrage „Wer ist Christus für uns heute?“ mit hineinzog. Die von Bonhoeffer praktizierte Einheit von Glauben und Leben, von kritischer Wahrnehmung der Gegenwart und Tun des Gerechten lässt einen nicht kalt und außen vor. Auf einmal waren wir TagungsteilnehmerInnen mitten drin im Leben, im hier und jetzt. Und wir waren uns einig: Vieles läuft nicht gut in dieser Welt. Die Ökonomisierung aller Lebensreiche hat etwas Totalitäres und wird von den SchülerInnen am Berufskolleg durchaus hautnah erlebt.

Wo wird das Evangelium für uns konkret? Was tun wir? Wo übernehmen wir Verantwortung?

Wenn dieser Funke auch im Unterricht überspringt, dann – da bin ich gewiss – ist Vieles gewonnen. Vielleicht noch mehr als die Allgemeine Hochschulreife.

Meinfried Jetzschke


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